Bio-Pionier Urs Hans verliert die Bio-Knospe
Impfen schadet den Tieren – Bei Nichtimpfen vergeht sich der Staat an unserer Geldtasche!

Der Bio-Landwirt darf nicht mehr mit dem Gütesiegel werben. Zudem werden ihm fast alle Direktzahlungen gestrichen. Er vermutet einen Racheakt der Behörden wegen der Weigerung, seine Kühe zu impfen.

Von Ruedi Baumann Tages-Anzeiger – Freitag, 27. April 2012
Turbenthal – Der streitbare Bio-Pionier und grüne Kantonsrat hat zumindest seinen Galgenhumor nicht verloren. Jüngst habe ein treuer Kunde in Winterthur an seinem Marktstand «ein Kilo Fleisch – aber ohne Knospe» verlangt. In der Seele des 60-jährigen Bauern Urs Hans aus Turbenthal aber brodelt es – und das seit längerem. Was zurzeit abläuft, ist für ihn der vorläufige Tiefpunkt «einer Verleumdungskampagne von Bürokraten».

Im März hatte Hans von der Zertifizierungsstelle Bio Inspecta in Frick (AG) den Bescheid erhalten, dass ihm das Gütesiegel für Bio-Produkte aberkannt wird, weil er «die Anforderungen zur biologischen Bewirtschaftung» nicht einhalte. Die Familie Hans und ihr Pünthof weit hinten im Tösstal dürfen nicht mehr mit der Knospe werben – unter Androhung rechtlicher Konsequenzen.

Ausserdem ist es Hans untersagt, auf Rechnungen oder Werbetafeln «Hinweise auf die biologische Produktion» anzubringen. Der Pünthof darf also de facto das Wort «Bio» im Zusammenhang mit seinen Produkten nicht mehr verwenden. «Eine Frechheit», sagt Hans. Sein im April eingereichter Rekurs hat keine aufschiebende Wirkung.

Hans ist nun öko statt bio

Urs Hans ist ein Kämpfer und hat als 60-Jähriger noch mehr Energie als die allermeisten Jungen. Zusammen mit seiner dänischen Frau Lejsa hat er auf den Wegweisern zum Pünthof im Weiler Neubrunn nahe der thurgauischen Grenze die Knospe durch ein selbst gestaltetes Logo ersetzt. Und auf seiner Website nimmt er Fleischbestellungen nun als
http://www.hans-oeco.ch entgegen.

«Zum Glück sind wir nicht von Coop oder Migros abhängig», sagt Urs Hans, «sondern haben auf dem Markt oder in unserem Hofladen eine treue Kundschaft. Dies ist im Moment unsere Rettung.» Am Dienstag und Freitag hat Lejsa Hans einen Stand auf dem Markt in Winterthur, am Samstag in Oerlikon. Der Pünthof hat eine eigene Räucherkammer und eine Backstube.

Bio oder öko: Unbestritten ist, dass Hans jahrzehntelang ein Vorzeige-Biobauer war, schon lange bevor er zum überzeugten Impf- und Gentechgegner wurde. Aufgewachsen als Bauernsohn in Neubrunn, hatte er, kaum der Schule entronnen, mit Intensivkälbermast mehr verdient als sein Vater. «Ich hatte 300 Kälber und sammelte in dieser Zeit reiche Erfahrungen mit Antibiotika- und Kunstdüngereinsatz.»

Gift beim Sonntagsschullehrer

Die Intensivmast ging gut, bis ihm der Regen nach einem Gewitter aus einem frisch gespritzten Maisfeld das Herbizid ausgewaschen hatte und sich ausgerechnet auf der Wiese des Sonntagsschullehrers weiter unten ein riesiger gelber Fleck bildete.

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«Das ganze Gras war verreckt», erinnerte sich Hans. Die Versicherung hat zwar bezahlt – «doch eigentlich war ich selber verantwortlich». Da ging Hans in sich und stellte 1978 auf Biolandbau um – als einer der Ersten.

Hans kaufte sich in Baselland eine Occasionsscheune, baute sie oberhalb Neubrunn wieder auf und begann, mit offener Viehhaltung und viel Auslauf Erfahrungen zu sammeln. Seine Ställe, die meisten selber konzipiert und gebaut, galten sogar für die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Tänikon als Referenz und Vorbild. Die Inspektionen des kantonalen Veterinäramts attestierten ihm regelmässig «angemessene Boxengrösse» und «gute Tierhaltung». Hans war bekannt, beliebt, deckte als einer der Ersten sein Scheunendach mit 800 Quadratmeter Solarzellen – und wurde 2007 sogar Kantonsrat.

Seine Schwierigkeiten mit den Behörden, deren Aufsicht er als Kantonsrat eigentlich ist, begannen erst 2008 mit dem Aufkommen der Blauzungenkrankheit. Nach schlechten Erfahrungen mit der Impfung gegen Rauschbrand («die Kälber verreckten wie Fliegen») weigerte er sich standhaft zu impfen. Während andere Skeptiker mit dem Veterinär einen Kaffee tranken und die Impfung in stillem Einvernehmen bleiben liessen, kämpfte und polterte Urs Hans und wurde zum bekanntesten Impfverweigerer der Schweiz.

Der Kampf mit der Bürokratie

Ab 2010 begann das kantonale Veterinäramt, ihn wegen zu geringen Boxengrössen in seinen Ställen sowie bürokratischer Unzulänglichkeiten wie fehlender Ohrmarken oder Protokollen in die Zange zu nehmen. Die Aussagen der beiden Seiten sind widersprüchlich. Das Veterinäramt beruft sich auf die neue Tierschutzverordnung von 2008, die je nach Grösse der Kühe verschiedene Mindestgrössen der Boxen sowie abgestufte Übergangsfristen vorschreibt.

Urs Hans bezeichnet die sich mehrenden Kontrollen als «staatlichen Terror» durch «Gestapo-Brigaden». Die Kontrolleure wiederum lassen sich von Polizisten begleiten oder besuchen den Hof am Montagmorgen, wenn Hans im Kantonsrat sitzt. Die Auseinandersetzungen schaukeln sich zum verbitterten Streit auf, der mehrere Bundesordner füllt und im November 2011 vor dem Bezirksgericht Winterthur in einem Prozess gipfelt. 50 Biobauern feuern Urs Hans im rappelvollen Gerichtsaal zum Leidwesen der Richterin an, er verteidigt sich in geerdeter Bauernsprache selbst und wird vom Vorwurf der Tierquälerei freigesprochen. Verurteilt wird er jedoch wegen rund 20 Verstössen gegen ein halbes Lexikon an Vorschriften, unter anderem auch für die Impfverweigerung. Hans hat dieses Urteil ans Obergericht weitergezogen.
Auf seiner Website sammelt er nun Geld für den Prozess – und vielleicht sogar für einen Verteidiger.

Ein Besuch auf dem Pünthof zeigt die zwei Seiten des Urs Hans: Er ist ein herzensguter Mensch, der auf seinem Hof eine Handvoll junger Menschen beherbergt, die ihm von Sozialbehörden und dem Landdienst zugewiesen werden. Er ist aber auch ein heissblütiger und sehr überzeugter Kämpfer, der Hunderte von Seiten schrieb und Tausende fotokopiert. Und von sich behauptet: «Ich habe in all den Jahren, bezogen auf unseren Tierbestand, freiwillig mehr an Geld und Arbeit für das Tierwohl investiert als irgendein Bauer in unserem Kanton.»

Ob sich Kälber, Mutterkühe und Munis in den Boxen, die da und dort ein paar Zentimeter zu schmal sind, unwohl fühlen, ist schwer zu beurteilen. Hans bezeichnet seinen Stall als «Fünfsternhotel». Für kalbende Kühe hat er eine «Maternité» gebaut. Zwar hat jedes Tier eine Box. Je nach Trächtigkeit der Kühe fehlen aber im einen oder anderen Stall für kurze Zeit ein paar Plätze, bis er die neugeborenen Kälber mit ihren Müttern und die trächtigen Kühe aussortiert hat. Bei Kontrollen in solch «dummen Momenten» bringt ihm das Minuspunkte ein. Die Vorschrift, dass jedes Tier in jedem Stall eine Box braucht, bezeichnet Hans als «Schnapsidee von Schreibtischtätern».

Beim Besuch auf dem Hof war die Hälfte der Boxen leer, weil die andere Hälfte der Kühe und Kälber am Fressen war oder im Auslauf stand. Der grosse Muni «Scott» lag friedlich in einer relativ schmalen Box neben einem dreiwöchigen Kälbchen. «Nur Bürokraten glauben, dass Kühe dumm sind und sich ihren Platz nicht mehr selber suchen.» Zu lange Boxen haben zudem gemäss Urs Hans den Nachteil, dass Kühe ihr Geschäft in den Boxen selbst verrichten und sich dabei verschmutzen – was wiederum Punkteabzüge gibt.

Subventionen sind «unter null»

Wegen wiederholter Verstösse gegen Vorschriften wurden diese Punkteabzüge im Februar verdoppelt und vervierfacht. Dies wirkt sich auf die Subventionen aus, die Bauern als Direktzahlungen für die Pflege der Landschaft und die Erhaltung der Nahrungsmittelproduktion erhalten. Beim Punktesystem ist Hans inzwischen bei «unter null» angelangt. Was die Kürzung für Hans in Franken ausmacht, kann er noch nicht ganz abschätzen. Gemäss einem Bundesgerichtsentscheid dürfen ihm nur die Beiträge für die Viehhaltung, nicht aber für den Landbau gestrichen werden.

Urs Hans schätzt, dass ihm Ende Jahr ein mittlerer fünfstelliger Betrag gekürzt wird. Das entspreche seinem gesamten persönlichen Betriebseinkommen sowie dem Lohn des Alppersonals im Sommer. «Das ist, wie wenn der Kanton einem Beamten den ganzen Jahreslohn streichen würde», sagt Hans.

Nachfragen bei der Abteilung Landwirtschaft des Kantons und bei Bio Inspecta ergeben: Beide dürfen sich zum laufenden Verfahren nicht äussern. Direktzahlungen machen im Durchschnitt zwischen 18 Prozent (Flachland) und 49 Prozent (Berggebiet) des Roheinkommens eines Bauern aus – bei Urs Hans ein Drittel. Bio Inspecta ist in ihrer Beurteilung nicht frei und übernimmt in der Regel vom Kanton festgestellte Verstösse.

Urs Hans hingegen vermutet, dass die «Staatsbürokratie» unliebsame Biobauern durch Zudrehen des Geldhahns in den Ruin zu treiben versucht. Er selber hat eben erst ein neues Wohnhaus mit Hofladen gebaut, das er amortisieren muss. Und vor allem müsste er die Decke des Stalls neu unterfangen, damit er die Stützen verschieben und die Boxen etwas verbreitern kann. Das ist sehr Aufwand für noch glücklichere Kühe.

Bericht Tagesanzeiger 27.4.2012 von Ruedi Baumann.pdf